21.10.2021

Besteuerung von Staking, Lending und Liquidity Mining Erträgen

Die Abkürzung DeFi steht für dezentrale Finanzen und wird zur Beschreibung aller Finanzdienstleistungen auf Basis dezentraler Blockchain-Technologie verwendet. Bei DeFi-Anwendungen werden die klassischen Mittelsmänner wie Zentralbanken, Finanzinstitute und Versicherungen durch sog. Smart Contracts ersetzt.

Ein Smart Contract ist ein digitaler Vertrag, der in Programmcode eingebettet ist und nach vordefinierten Regeln automatisch Transaktionen vornimmt. Der wichtigste Vorteil von DeFi liegt darin, dass jeder Mensch (auch Menschen ohne Bankkonto) mit einem internetfähigen Endgerät und einer Wallet Finanzdienstleistungen in Anspruch nehmen kann. Ein weiterer Vorteil liegt im besonders hohen Schutz der Privatsphäre, da keine Daten durch Dritte verarbeitet werden. Ebenfalls können durch DeFi-Anwendungen die Kosten für Finanzdienstleistungen, durch den Wegfall kostspieliger Finanzintermediäre, deutlich gesenkt werden.

Es gibt eine Vielzahl von DeFi-Anwendungen. Viele Nutzer, welche gleichzeitig auch Halter von Kryptowährungen sind, können mittels DeFi-Anwendungen nebst den Kapitalgewinnen zusätzlich auch von Vermögenserträgen in Form von Kryptowährungen profitieren und so den Bestand ihrer Kryptowährungen kontinuierlich vergrössern.

Die wichtigsten DeFi-Anwendungen und somit Möglichkeiten, mittels Kryptowährungen dezentrale Vermögenserträge zu erzielen, sollen in einem ersten Teil (I.) erläutert werden. In einem zweiten Teil (II.) soll auf die steuerliche Behandlung eben solcher dezentraler Vermögenserträge eingegangen werden.

I. DeFi-Anwendungen

Lending

Die grössten DeFi-Protokolle wie MakerDAO, Compound und Aave haben eines gemeinsam: ihr Haupt-Anwendungsfall baut auf dem Lending und Borrowing, also dem Leihen und Verleihen, auf. Konkret stellt man beim Lending einen Betrag an Krypto-Token für andere Teilnehmer zur Verfügung und erhält dafür Zinsen. Die Zinsen werden häufig direkt in der verliehenen Kryptowährung oder in Form eines Stable Coins ausgeschüttet.

Staking

Gleich wie beim «klassischen» Mining (Proof-of-Work Konsensmechanismus), werden bei dieser Mining-Alternative ebenfalls neue Blöcke validiert und so das Funktionieren der Blockchain gewährleistet. Jedoch geschieht dies beim Staking nicht anhand von Rechenleistung der Miner, sondern einzig durch das Halten und Bereitstellen von Token in einem Wallet. Der Vorteil von Proof-of-Stake liegt hauptsächlich darin, dass für die Validierung der Blöcke und somit das Funktionieren der Blockchain viel weniger Energie aufgewendet werden muss. Jeder Besitzer eines Tokens kann für die Validierung ausgewählt werden, die Zuteilung erfolgt durch einen Algorithmus (Alter der Coins, Anzahl der Coins und Zufall). Die Auswahl wird jedoch durch die Menge an bereitgestellten Token beeinflusst. Je mehr Token auf einem Wallet liegen, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass man als sog. Validator für die Validierung der Blöcke ausgewählt wird. Sobald die Validierung abgeschlossen ist, bekommt der Validator für das Bereitstellen der Token einen sog. «Staking Reward». Dieser «Staking Reward» fällt je nach Blockchain unterschiedlich hoch aus. Wie hoch der Reward auf den einzelnen Blockchains ist, kann man unter anderem auf Seiten wie Staking Rewards einsehen.

Die beiden bekanntesten und am meisten kapitalisierten Kryptowährungen Bitcoin und Ethereum, betreiben aktuell noch immer das klassische Mining. Staking ist hier (noch) nicht möglich. Insbesondere Ethereum arbeitet jedoch mit Nachdruck am Übergang von Proof-of-Work auf Proof-of-Stake. Am 4. August 2021 fand der langersehnte London Hard Fork auf der Ethereum Blockchain statt, welcher ein weiterer wichtiger Meilenstein in Richtung Ethereum 2 darstellt. Mehr zur Timeline von Ethereum 2 finden Sie hier.

Liquidity Mining

Um den Handel auf dezentralen Börsen wie Uniswap oder Sushiswap zu ermöglichen, müssen diese Plattformen Liquidität für den dezentralen Handel bereitstellen. Das benötigte Kapital wird von sog. Liquidity Minern in Form von Token-Paaren (z.B. ETH/USDC) in Liquidity Pools zur Verfügung gestellt. Jedes Mal, wenn Liquidität in einen Pool einbezahlt wird, werden Governance Token (z.B. UNI-Tokens) im Verhältnis zu der Menge an Liquidität, die in den Pool eingebracht wurde, an den Liquidity Miner ausgeschüttet. Zusätzlich werden die von der dezentralen Plattform vereinnahmten Handelsgebühren (Handelsgebühr bei Uniswap beträgt aktuell 0.3% pro Trade) anteilig an alle Liquidity Miner eines Pools verteilt.

II.Steuerliche Behandlung dezentraler Vermögenserträge

Einkommenssteuer

Einkommenssteuerrechtliche Qualifikation

Erträge aus beweglichem Vermögen sind in der Schweiz generell steuerbar, womit auch dezentrale Vermögenserträge im Grundsatz steuerpflichtig sein sollten. Über die steuerrechtliche Qualifikation solcher Erträge haben sich Bund und Kantone jedoch noch nicht geäussert. Erste Abklärungen bei den kantonalen Steuerverwaltungen deuten darauf hin, dass solche Erträge wie Zinsen aus Guthaben zu qualifizieren sind. Entsprechend müssen diese Erträge in der Steuererklärung im Wertschriftenverzeichnis aufgeführt werden. Hinsichtlich der Deklaration von Kryptowährungen, siehe unseren Beitrag vom 25. Mai 2021.

Wie bereits erwähnt, wird Ethereum 2 von Proof-of-Work auf Proof-of Stake umstellen. Das Staking auf Ethereum 2 kann seit Phase 0 des Ethereum 2-Upgrades (Einführung der Beacon-Chain) durchgeführt werden.

Um auf Ethereum 2 zu staken, müssen Interessenten ihre Ether-Token entweder direkt im Ethereum-2-Einlagenvertrag hinterlegen und können als Gegenleistung direkt als Validator am Netzwerk teilnehmen und mitbestimmen (Variante 1), oder das Staking gepoolt über eine Online-Handelsplattform betreiben (Variante 2).

Um Validator für Ethereum 2 zu werden, muss ein Staker eine Einlage von mindestens 32 Ether-Token leisten, was einem aktuellen Gegenwert von ca. 100'000 USD entspricht und für viele Privatanleger finanziell nicht möglich ist. Dies wird dann auch der Hauptgrund sein, weshalb Online-Handelsplattformen ihren Nutzern Staking als Dienstleistung anbieten und für ihre Dienstleistung einen entsprechenden Anteil der Staking Rewards einbehalten. Auf Ethereum 2 gestakte Ether-Token sind zeitlich bis zur Integration der bestehenden Ethereum-Blockchain in die Beacon-Chain von Ethereum 2 gesperrt, wobei Staking Rewards bereits seit Lancierung der Beacon-Chain im November 2020 ausbezahlt werden. Dies hat zur Konsequenz, dass die Rewards wie Zinsen auf Guthaben der Einkommenssteuer unterliegen.

Gefahr: Selbständige Erwerbstätigkeit

Auch im Zusammenhang mit dezentralen Vermögenserträgen gilt es – gleich wie beim Handel mit Kryptowährungen – zu beachten, dass solche Aktivitäten seitens der Steuerbehörden durchaus als selbständige Erwerbstätigkeit qualifiziert werden können.

Erste Abklärungen bei den kantonalen Steuerverwaltungen haben ergeben, dass im Zusammenhang mit dezentralen Vermögenserträgen dem Grundsatz nach nur dann eine selbständige Erwerbstätigkeit vorliegen könne, wenn die DeFi-Anwendung von der steuerpflichtigen Person selbst direkt betrieben und nicht über eine Online-Handelsplattform genutzt wird. Wenn jemand also Validator-Staking betreibt, kann eine selbständige Erwerbstätigkeit nicht per se ausgeschlossen werden. Umgekehrt gilt, wer Staking über eine Online-Handelsplattform betreibt, muss im Hinblick auf diese Tätigkeit voraussichtlich keine Umqualifikation zur selbständigen Erwerbstätigkeit befürchten.

Eine Umqualifikation zur selbständigen Erwerbstätigkeit hat zur Folge, dass insb. ein späterer Verkauf der hinterlegten Kryptowährungen bzw. den Staking-Rewards steuer- und sozialabgabepflichtig ist. Hinsichtlich der steuerlichen Folgen einer Umqualifikation zur selbständigen Erwerbstätigkeit, siehe unseren Beitrag vom 21. Juli 2021.

Einkommenssteuerrechtliche Bewertung

Wie Kryptowährungen für die Zwecke der Einkommenssteuer zu bewerten sind, dazu haben sich die schweizerischen Steuerbehörden – im Gegensatz zur Bewertung für die Zwecke der Vermögenssteuern – (noch) nicht öffentlich geäussert.

Im Rahmen der allgemeinen Mitwirkungspflichten empfiehlt es sich bis dahin für die betroffenen steuerpflichtigen Personen, die Erträge in konsistenter und nachvollziehbarer Weise zu deklarieren.

Ein möglicher Anknüpfungspunkt für die Bewertung von in Form von Kryptowährungen erzielten Vermögenserträgen kann die Praxis der Steuerbehörden betreffend Vermögenserträge in Fremdwährungen sein. Entgelte in ausländischer Währung sind für die Berechnung der Einkommenssteuer im Zeitpunkt der Entstehung der Steuerforderung in Schweizer Franken umzurechnen. Für die Umrechnung kann wahlweise der von der Eidgenössischen Steuerverwaltung (ESTV) publizierte Monatsmittelkurs oder der Devisen-Tageskurs (Verkauf) angewendet werden. Bei ausländischen Währungen, für welche die ESTV keinen Kurs bekannt gibt, gilt der publizierte Devisen-Tageskurs (Verkauf) einer inländischen Bank.

Da die ESTV für Kryptowährungen noch keine Tageskurse oder monatliche Durchschnittskurse publiziert, erscheint es sachgerecht, wenn man Vermögenserträge in Kryptowährungen – gleich wie Devisen ohne publizierten Kurs der ESTV – zum Tageskurs (Verkauf) einer Online-Handelsplattform bewertet. Erste Abklärungen bei den Kantonen diesbezüglich haben ergeben, dass alternativ auch eine Bewertung zum Monats- oder Jahresmittelkurs akzeptiert wird, wobei die einmal gewählte Bewertungsmethode beibehalten werden sollte. In jedem Fall gilt, sich über die Wahl der Bewertungsmethode im Vorfeld Gedanken zu machen, denn die einfachste und praktikabelste Lösung (Bewertung zum Monats- oder Jahresmittelkurs) ist nicht immer auch die steuerlich sinnvollste Lösung. So besteht bei einer Bewertung dezentraler Vermögenserträge zum Monats- oder Jahresmittelkurs die Gefahr, dass die zugeflossenen Vermögenserträge höher oder tiefer bewertet werden, als sie zum Zeitpunkt des Zuflusses tatsächlich waren.

Fazit

Mittels DeFi-Anwendungen erzielte Vermögenserträge unterliegen grundsätzlich der Einkommenssteuer. In Bezug auf die einkommenssteuerrechtliche Qualifikation haben sich Bund und Kantone noch nicht geäussert, wobei eine erste Tendenz dahin geht, solche Erträge wie Zinsen aus Guthaben zu qualifizieren. Die grösste Herausforderung im Zusammenhang mit dezentralen Vermögenserträgen ist die Bewertungsthematik bei der Einkommenssteuer. Auch dazu haben sich Bund und Kantone vorerst noch nicht geäussert, wobei auch hier eine erste Tendenz zu erkennen ist. Grundsätzlich sind dezentrale Vermögenswerte – analog den Fremdwährungen – im Zeitpunkt des Zuflusses zu bewerten, wobei die Kantone auch Bewertungen zum Monats- oder Jahresmittelkurs akzeptieren.

Schliesslich sollte man beim Betreiben von DeFi-Anwendungen immer auch die latente Gefahr einer allfälligen Umqualifikation zur selbständigen Erwerbstätigkeit im Auge behalten. Stand heute gehen die Kantone beim Betreiben eines Validator-Stakings grundsätzlich von einer selbständigen Erwerbstätigkeit aus. Hingegen wird das Staking über Online-Handelsplattformen regelmässig nicht als selbständige Erwerbstätigkeit qualifiziert.

Werden mit DeFi-Anwendungen grosse Vermögenserträge erzielt, so ist es daher unabdingbar, die steuerlichen Chancen und Risiken mit einem SteuerberaterIn zu diskutieren.

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Autoren
:
Jan Peier
Livio Bucher
Tags:
Cryptocurrency
Einkommenssteuern